Therapeuten kämpfen für Berufskammer

(erschienen im Spektrum 01/19)

Allein in zwölf Bundesländern gibt es bereits Initiativen zur Gründung einer Therapeutenkammer. Auch in Niedersachsen ist seit April 2017 mit von der Partie. Spektrum war im November 2018 zu Gast auf einer Informationsveranstaltung des niedersächsischen Fördervereins zur Errichtung einer Therapeutenkammer in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und sprach mit den Verantwortlichen über ihr Vorhaben.

Viel Arbeit liegt bereits hinter den acht Vorstandsmitgliedern des Fördervereins zur Errichtung der Therapeutenkammer in Niedersachsen e.V. Ihr Ziel: Möglichst viele Therapeuten in Niedersachsen mit Ihrer Botschaft zu erreichen und für sich zu gewinnen. „Der Weg ist lang und mühsam und trotzdem lohnenswert“, erklärt Marlis Pantaleo, erste Vorsitzende des Fördervereins, die mit Ihren Vorstandskollegen und weiteren Mitstreitern parallel zu ihrem Job als Physiotherapeutin in ihrer Freizeit versucht, möglichst viele Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen in Niedersachsen zu adressieren.

„Wir wollen, dass die Fremdbestimmung unseres Berufsstandes endlich auf das notwendige Minimum reduziert wird und wir als Fachleute für unsere Berufe selbst darüber mitentscheiden können, wo die Reise hingeht“, sagt Pantaleo und meint damit unter anderem bei der Berufsordnung, der Fort- und Weiterbildungsregelung, der Weiterentwicklung der Heilmittelrichtlinie selbst bestimmen oder zumindest mitentscheiden zu können.

Die Liste der bisherigen Aktivitäten ist lang. Vertreter des Vorstandes des Fördervereins führten seit ihrer Gründung zahlreichen Gespräche mit Politikern auf Landesebene, um ihr Anliegen zu verdeutlichen. Im Rahmen diverser Informationsveranstaltungen, die vorrangig an den zentralen Aus- und Fortbildungsstandorten der Therapeuten stattfanden, warben die Kammerverfechter für mehr Mitbestimmung im eigenen Beruf. „Wir haben uns in den letzten Monaten auf Einrichtungen in und um Hannover konzentriert. Unser Ziel ist es im Laufe der nächsten Monate unsere Aktivitäten nach und nach über ganz Niedersachsen auszuweiten“, sagt Pantaleo, der es wichtig ist bei allen Aktivitäten zielgerichtet vorzugehen: „Wir sind alle berufstätig und haben keine Zeit zu verschenken. Daher sind wir sehr dankbar, dass uns einzelne Gründungsmitglieder der Pflegekammer in der Vergangenheit immer wieder mit Rat und Tat zur Seite standen. Sehr wertvoll ist für uns auch der länderübergreifende Austausch.“ Mindestens einmal im Jahr treffen sich Vertreter des niedersächsischen Fördervereins mit denen anderer Bundesländer, um voneinander zu lernen. Von der Pflegekammer Niedersachsen waren in der MHH die Vizepräsidentin Nora Werstedt und Vorstandsmitglied Melina Kregel zu Gast und berichteten von der Arbeit der erst im August 2018 gegründeten Pflegekammer.

Gemeinsamer Internetauftritt der „Initiative Therapeutenkammer“ unter www.therapeutenkammer.de

Die Botschaften der Kammerfürsprecher sind ernst und haben für die Beteiligten durchaus existentielle Bedeutung: „Wenn wir nicht anfangen, für unsere Berufsgruppe selbst einzutreten und für das zu kämpfen, was für andere, besser organisierte Berufsgruppen eine Selbstverständlichkeit ist, werden wir mit der Zeit immer weniger Therapeuten werden. Denn die Berufe verlieren zunehmend an Attraktivität. Die Arbeit ist hart, die Bürokratie erdrückend und vielerorts ist sie auch nicht besonders gut bezahlt. Wir sind es nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Patienten schuldig uns für die Stärkung und Verbesserung der Therapie einzusetzen. Wir wünschen uns ein Berufsbild, das unseren Qualifikationen entspricht und auch so in Politik und Gesellschaft wahrgenommen wird“, erklärt Anett Schneider, zweite Vorsitzende des Fördervereins.

"Wir sind es nicht nur uns Selbst, sondern auch unseren Patienten schuldig, uns für die Stärkung und Verbesserung der Therapie einzusetzen."

In ihrer Rede lobt die erste Vorsitzende Pantaleo die Politik für einen Meilenstein, der bereits ohne Therapeutenkammer erreicht werden konnte: „Die kürzlich beschlossene Schulgeldfreiheit in Niedersachsen ist ein sehr guter Schritt zur Aufwertung der Therapieberufe. Weitere Schritte müssen jedoch folgen. Insbesondere im Bereich der Arbeitsbedingungen gibt es großen Handlungsbedarf, damit der Beruf für den Nachwuchs attraktiv bleibt und noch attraktiver wird.“ Im Rahmen einer Umfrage der Hochschule Fresenius gab im Jahr 2017 nur jeder Dritte (29 Prozent) der 984 befragten Therapeuten an, in seinem Beruf weiterarbeiten zu wollen. Weitere 24 Prozent gaben an aus ihrem Beruf aussteigen zu wollen und 47 Prozent überlegten, ob ein Wechsel sinnvoll sein könnte. Als häufigsten Grund für einen (möglichen) Wechsel wurde der Verdienst angegeben, als zweithäufigsten Grund die Bürokratie.

Wie wichtig und zwingend notwendig gute und qualifizierte therapeutische Arbeit für die Patienten ist, dürfen die Zuhörer an jenem Abend gleich am Beispiel von zwei Spitzensportlern erfahren. Zu Gast waren die beiden Triathleten Dr. Britta Dressler und Christian Haupt. Beide haben schon mehrfach am Ironman teilgenommen. Bei dem berühmten Langdistanz-Wettkampf auf Hawaii schwimmen die Teilnehmer 3,8 Kilometer, fahren 180 Kilometer Rad laufen rund 42 Kilometer. Haupt wurde gleich zwei Mal Ironman-Weltmeister seiner Altersklasse (2016 und 2017). In 2017 wurde er sogar bester Amateur aller Altersklassen.

Auf der Veranstaltung spricht Haupt aber nicht nur über seine Erfolge, sondern wirft gemeinsam mit den Anwesenden einen Blick auf die Kehrseite seines Erfolgs und berichtet, dass er vor rund zehn Jahren immer wieder durch Verletzungen im Training gebremst wurde. „Mein heutiges Trainingspensum von rund 23 Stunden pro Woche in den Sommermonaten, schaffe ich nur weil ich vor vielen Jahren auf einen guten Rat meines Trainers gehört habe. Der empfahl mir, einmal pro Woche etwas nur für mich zu tun und zum Physiotherapeuten zu gehen“, erzählt der 38-jährige Triathlet. So ist es ihm gelungen in den letzten Jahren fast durchgängig und weitestgehend ohne Verletzungspausen zu trainieren. „Ich wäre ohne Ihre Berufsgruppe nie dorthin gekommen, wo ich heute stehe“, richtet Haupt das Fazit seiner Rede direkt an das Publikum und erntet dafür Applaus.

Dr. Britta Dressler (50) wurde 2018 Deutsche Amateur-Meisterin ihrer Altersklasse in Hamburg auf der Langdistanz. Beim Ironman in Italien krönte sie ihre bislang erfolgreichste Saison mit dem zweiten Platz. Dressler erzählt, dass ihr erst 2017 durch einen unverschuldeten Radunfall eine Beckenprellung widerfahren sei. Nur zehn Tage später sollte der nächste Wettkampf anstehen. Was folgte war eine Krankschreibung und der ärztliche Rat nicht am Wettkampf teilzunehmen. „Ich hatte einen sehr engagierten Physiotherapeuten, der mich zwei Mal täglich behandelt hat, so dass ich nach vier Tagen wieder trainieren und nach zehn Tagen am Start stehen konnte“, sagt Dressler, die jede Woche neben dem Training etwa drei bis vier Stunden mit Physiotherapie verbringt.

Die anwesenden Politiker befürworteten, dass sich die Therapeuten in Niedersachsen grundsätzlich stärker organisieren, um besser für ihre Interessen eintreten zu können.

Ob die Organisationsform eine Kammer mit Pflichtbeiträgen dafür zwingend notwendig sei – darüber war man unterschiedlicher Meinung. Der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Volker Meyer, sprach sich dafür aus, die Therapeuten zu unterstützen und sieht die kürzlich beschlossene Schulgeldfreiheit als wichtiges Signal.

Ab dem Schuljahr 2019/2020 führt das Land Niedersachsen die Schulgeldfreiheit für die Therapieberufe ein. Darauf einigten sich die Koalitionspartner SPD und CDU im November 2018 in Hannover.

Gleichzeitig verwies er aber darauf, dass eine Kammergründung Mitgliedsbeiträge koste und regte an darüber nachzudenken, ob es nicht auch andere Möglichkeiten gäbe, sich effektiv zu organisieren, um als schlagkräftige Einheit auftreten zu können.

Die Landtagsabgeordnete Dr. Thela Wernstedt (SPD), die ebenso wie Volker Meyer Mitglied im Gesundheitsausschuss des niedersächsischen Landtages ist, zeigte sich zurückhaltend und verwies darauf, dass viel Vorarbeit durch den Förderverein zu leisten sei, um möglichst viele Therapeuten hinter sich und der Idee einer Kammergründung zu versammeln. Zudem sei gerade die Therapeutenlandschaft, was ihre verschiedensten Verbände beträfe, doch sehr zerklüftet, was das Finden einer gemeinsamen Linie zusätzlich erschwere.

Meta Janssen-Kucz, grüne Landtagsabgeordnete, Sprecherin für Gesundheit und Vizepräsidentin des niedersächsischen Landtages stimmte Wernstedt zu, dass der Weg bis zu einer Kammergründung lang und schwierig sei. Sie präsentierte sich aber im Gegensatz zu ihren Vorrednern als klare Fürsprecherin einer Therapeutenkammer. Denn aus ihrer Sicht sei eine Selbst- und Mitbestimmung in den vielen für den Berufsstand wichtigen Bereichen anders nicht möglich. Zudem sieht sie eine Kammergründung als auch wichtiges Mittel an, um dauerhaft dem Fachkräftemangel in diesem Bereich entgegenwirken zu können. Eine Schulgeldfreiheit reiche da allein nicht aus. Sie appellierte an die Verantwortlichen diesen Weg zusammen weiter zu gehen sich nicht auseinander dividieren zu lassen und sagte ihre Unterstützung zu.       

Initiativen zur Gründung einer Therapeutenkammer gibt es bereits in folgenden Bundesländern:
Baden-Württemberg
Bayern
Berlin
Brandenburg
Hamburg
Hessen
Niedersachsen
Nordrhein-Westfalen
Rheinland-Pfalz
Saarland
Sachsen
Schleswig Holstein 
         

Text: Anke Witte